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Historische Rückblicke aus dem Stadtarchiv

Vor 100 Jahren ... Auszüge aus dem Hohenstein-Ernstthaler Tageblatt
(Rechtschreibung im Original)

Vor 100 Jahren ... (März 1918) Auszüge aus dem Hohenstein-Ernstthaler Tageblatt

 68. Jahrgang (1918)  (Rechtschreibung im Original)

01. März 1918
Eine Stiftung in Höhe von 10000 Mk. errichtete die Familie des vor Jahresfrist heimgegangenen Herrn Kommerzienrat Paul Reinhard auch zugunsten der Altstädter Gemeindediakonie, nachdem sie eine solche in gleicher Höhe auch dem Bethlehem-Stift zugewiesen hatte. Die Stadtverordneten nahmen am Dienstag abend mit Dank Kenntnis von der der Stadt zugedachten hochherzigen Stiftung. Auf dem Heuboden der „Alten Hüttenmühle“ hatte ein russischer Kriegsgefangener sein Nachtlager aufgeschlagen, der gestern vormittag von den Hausbewohnern entdeckt und der Polizei zugeführt wurde. Er hatte seine Arbeitsstätte auf einem Schacht des benachbarten Kohlengebietes verlassen, wahrscheinlich angesichts des bevorstehenden Friedens der Heimat zuzustreben, die er jedoch vorläufig nochmals mit dem Gefangenlager in Chemnitz vertauschen muss.

13. März 1918
Gestern abend hat sich im Hainholz zwischen dem Bahnwärterhäuschen und dem Fernsprechhäuschen ein in den dreißiger Jahren stehender Mann von einem von hier kommenden Zug überfahren lassen. Über die Persönlichkeit des Selbstmörders, der den gesuchten sofortigen Tod fand, ließ sich noch nichts ermitteln. In seiner Mütze befindet sich als Einlage ein Stück des „Limbacher Tageblattes“, woraus vielleicht geschlossen werden kann, daß der Mann aus der dortigen Gegend stammt. Der Tote dürfte dem Arbeiterstand angehört haben.

16. März 1918
In dem jungen Mann, der sich am Montag abend im Hainholz überfahren ließ, wurde ein aus Limbach stammender, jung verheirateter, 26jähriger Textilarbeiter (Militärinvalid) ermittelt, den Schwermut in den Tod getrieben haben soll.

17. März 1918
Wie wir vom Pfarramt St. Christophori erfahren, sind in den letzten Tagen zwei größere Beträge für den Orgelbaugrundstock gestiftet worden. Den freundlichen Spendern, die ungenannt bleiben wollen, sei auch von dieser Stelle aus der herzliche Dank der Kirchgemeinde ausgesprochen.

19. März 1918
Am gestrigen Sonntag verschied nach längerem Kranksein Herr Hieronymus Schönherr, der sich durch seine Tätigkeit auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens in allen Kreisen einen guten Namen gemacht hat. Schwere Krankheit zwang ihn, der von Beruf Kaufmann war, vor einiger Zeit zur Aufgabe seines Amtes als Handelslehrer kurz vor Vollendung der 25jährigen Tätigkeit. Dem kaufmännischen Nachwuchs war er in der Schule wie in besonderen Lehrgängen ein treffsicherer Berater. Daneben fand er noch Muße der edlen Musika zu huldigen, und in Kirchenkonzerten und anderen Veranstaltungen erfreute er die Hörer durch das empfindungsvolle Spiel auf der Katergeige. Nun hat er Ruhe gefunden nach einem arbeitsvollem Leben, in dem er viel Freude am Erfolg haben durfte.

23. März 1918
Der Lehrkörper der Altstädter Schulen büßt mit Ablauf dieses Schuljahres abermals eine langjährig bewährte Lehrkraft ein: Herr Kantor Theodor Merker tritt in den wohlverdienten Ruhestand. Gelegentlich der gestrigen Entlassungsfeier für die Konfirmanden widmete Herr Schuldirektor dem Scheidenden herzliche Dankesworte namens der Schule für alles das, was er zu Nutz und Frommen der Jugend getan in den 40 Jahren schwerer Schularbeit, und freute sich, dass Gott ihn stark in der Gesundheit und frisch im Geiste erhalten habe. Herr Kantor Merker trat sein hiesiges Lehramt am 18. Januar 1878, an seinem 23. Geburtstage an, während er seit 25 Jahren den Kirchendienst versteht. Kirchenchor und Liedertafel, denen er als Leiter vorläufig noch erhalten bleibt, erfreuen sich hinsichtlich ihrer Leistungen des besten Ansehens in unserer Stadt. Wir wünschen Herrn Kantor Merker einen ungetrübten sonnigen Lebensabend und dürfen uns wohl der Hoffnung hingeben, dass die Liebe und Wertschätzung, die ihm die heimische Sängerwelt unwandelbar entgegen bringt, ihm Veranlassung geben werden, dem deutschen Liede noch lange ein treuer Förderer zu sein.